WISSENSWERTES ZUM THEMA EPILEPSIE
Die wichtigsten Fragen und Antworten rund um Epilepsie — von den Grundlagen über Beruf und Alltag bis zur Ersten Hilfe.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen und kann in jedem Lebensalter auftreten. Knapp 1 % der Weltbevölkerung hat Epilepsie, 5% erleben im Laufe ihres Lebens einmal einen epileptischen Anfall. Nicht jeder epileptische Anfall bedeutet automatisch, dass eine Epilepsie vorliegt. Erst wenn wiederholt unprovozierte epileptische Anfälle auftreten oder ein entsprechend hohes Risiko für weitere Anfälle besteht, wird die Diagnose Epilepsie gestellt.
50 % aller Epilepsien manifestieren sich vor dem Erreichen des 10. Lebensjahres, zwei Drittel unter 20 Jahren, dann sinkt das Risiko der Neuerkrankung, bis es ab dem 60. Lebensjahr wieder stark ansteigt.


Wie sehen epileptische Anfälle aus?
Epileptische Anfälle können sehr unterschiedlich aussehen und verlaufen. Welche Symptome dabei auftreten, hängt davon ab, in welchem Bereich des Gehirns der Anfall stattfindet. Da die verschiedenen Hirnregionen unterschiedliche Aufgaben erfüllen, äußern sich epileptische Anfälle je nach betroffenem Bereich auf unterschiedliche Weise.
Nicht jeder Anfall geht mit Stürzen und starken Zuckungen einher.
Manche Menschen verlieren kurz das Bewusstsein und reagieren für einige Sekunden nicht. Andere erleben ungewöhnliche Sinneseindrücke wie Kribbeln, Gerüche oder Sehstörungen. Es können auch automatische Bewegungen auftreten wie Schmatzen, Nesteln oder zielloses Umhergehen.
Was sind die Ursachen von Epilepsie?
Epilepsie kann verschiedene Ursachen haben. Dazu gehören genetische Faktoren, Schädigungen oder Veränderungen des Gehirns wie Tumore, Narben oder Schlaganfälle, Hirnverletzungen, Infektionen sowie Stoffwechselstörungen. Manchmal kommen auch mehrere Ursachen zusammen. Bei manchen Menschen lässt sich trotz moderner Diagnostik keine eindeutige Ursache feststellen. In diesen Fällen spricht man von einer Epilepsie unbekannter Ursache.
Mithilfe einer genauen Anfallsbeschreibung sowie EEG- und MRT-Untersuchungen oder genetischen Tests kann die Ursache häufig näher eingegrenzt werden.


Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?
Epilepsie lässt sich grundsätzlich gut behandeln. Eine optimale Therapie wird von einer Epileptologin oder einem Epileptologen begleitet; einer Fachärztin der Neurologie oder einem Facharzt für Neurologie mit besonderer Spezialisierung auf Epilepsie. Diese sind in Österreich fast ausschließlich in zertifizierten Epilepsie-Ambulanzen/-kliniken tätig.
Die Behandlungsform hängt von der Art der Epilepsie und den individuellen Bedürfnissen der betroffenen Person ab. Die Therapie erster Wahl ist eine medikamentöse Behandlung durch sogenannte Anfallssuppressiva (ASM). Sie können das Auftreten von Anfällen verhindern oder deutlich reduzieren. Reichen Medikamente nicht aus, kommen je nach Diagnose weitere Behandlungsmöglichkeiten wie ein epilepsiechirurgischer Eingriff, ein Vagusnervstimulator oder spezielle Ernährungsformen (zB: ketogene Ernährung) infrage. Welche Therapie am besten geeignet ist, wird individuell gemeinsam mit den behandelnden Fachärzt:innen entschieden.
Ziel der Behandlung ist es, die Lebensqualität zu verbessern und Anfälle möglichst zu verhindern und zu reduzieren.
Wie steht die Öffentlichkeit zum Thema Epilepsie?
Epilepsie zählt zu den ältesten dokumentierten Krankheiten. Über Jahrhunderte wurden epileptische Anfälle als Zeichen von Dämonen, göttlichen Kräften, Geistern oder Besessenheit gedeutet. Diese Vorstellungen prägten das gesellschaftliche Bild nachhaltig.
Aus Unwissenheit und Angst ist Epilepsie auch heute leider noch ein Diskriminierungsgrund. Vorurteile verhindern die Integration Betroffener. Meist leiden Menschen mit Epilepsie und deren Familien mehr unter der sozialen Ausgrenzung als unter der Krankheit selbst.
Obwohl Epilepsie wissenschaftlich bereits gut erforscht ist, braucht es Aufklärung, um überholte Bilder in der Gesellschaft zu verändern.

Was viele glauben — und was stimmt.
Mythen und Klischees prägen bis heute das Bild von Epilepsie — und Vorurteile verhindern die Inklusion Betroffener. Nur fundiertes Wissen trennt übertriebene Ängste von den Fakten.
Epilepsie ist immer ein „großer“ Anfall (Grand mal).
Menschen mit Epilepsie sind kognitiv eingeschränkt.
Mit Epilepsie kann man nicht arbeiten — schon gar nicht an Maschinen.
Betroffene dürfen nicht feiern gehen oder Sport treiben.
Gibt es bekannte Persönlichkeiten mit Epilepsie?
Ja, die gibt es. Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass auch viele berühmte Persönlichkeiten Epilepsie haben oder hatten. Um nur ein paar zu nennen: Leonardo Da Vinci, Alexander der Große, Napoleon, Albert Einstein, Richard Burton, Prince, Elton John, DJ Ötzi, Ronaldo Luìs, Melanie Griffith, Severin Freund, Zoe Wees und viele mehr.


Welche beruflichen Möglichkeiten haben Menschen mit Epilepsie?
Menschen mit Epilepsie weisen die gleiche Spannbreite an Intelligenz, Geschicklichkeit und Belastbarkeit auf wie alle anderen Menschen auch. Einschränkungen ergeben sich lediglich durch Symptome während eines Anfalls und gegebenenfalls durch zusätzliche Erkrankungen. Diese Symptome sind sehr unterschiedlich, daher ist eine individuelle Beratung bzgl. beruflicher Möglichkeiten notwendig.
Sind Menschen mit Epilepsie verstärkt von Arbeitslosigkeit betroffen?
Leider ja. Der Anteil der erwerbstätigen Epilepsiepatient:innen beträgt nur 50 bis 70% der allgemeinen Erwerbstätigenquote. Die Arbeitslosigkeitsrate unter Menschen mit Epilepsie ist im Vergleich zur Arbeitslosigkeit der Gesamtbevölkerung etwa doppelt bis dreifach so hoch.


Gibt es Unterschiede zwischen Arbeitnehmer:innen mit oder ohne Epilepsie?
Eine Befragung in Deutschland von Unternehmen unterschiedlicher Branchen im Sommer 2007 zeigt, dass einerseits das Interesse an diesem Thema sehr groß ist, auf der anderen Seite eine große Unsicherheit aufgrund fehlender Informationen herrscht. Menschen mit Epilepsie haben nicht häufiger Arbeitsunfälle als andere Mitarbeiter:innen. Dies gilt für gewerblich-technische Berufe und auch für Berufe im Dienstleistungssektor. Menschen mit Epilepsie fehlen krankheitsbedingt nicht häufiger am Arbeitsplatz als Arbeitnehmer:innen ohne Epilepsie. Dies belegen unter anderem Untersuchungen des Chemiekonzerns BASF und des Berufsbildungswerks Bethel zu anfallsbedingten Fehlzeiten und zur Unfallhäufigkeit.
Die professionelle Aufklärung im Unternehmen und aller Kolleg:innen ist ein wichtiger Schlüssel für nachhaltige Inklusion von Menschen mit Epilepsie in der Arbeitswelt.
Wie wird die Eignung bzw. Gefährdung im Job beurteilt?
Die Eignungs- bzw. Gefährdungsbeurteilung muss individuell abgeklärt werden. Sie ist im Wesentlichen abhängig von der Anfallsart, der Häufigkeit der Anfälle und ob protektive Faktoren wie z. B. ein Vorgefühl, tageszeitliche Bindung etc. vorliegen. Grundsätzlich gilt, dass Menschen mit Epilepsie in ihrer beruflichen Eignung für die meisten Berufe nicht beeinträchtigt sind.
Als Grundlage für die Beurteilung dient die Leitlinie “Epilepsie am Arbeitsplatz”.


Hat jeder Mensch mit Epilepsie Anspruch auf einen Arbeitsplatz mit erhöhtem Kündigungsschutz?
Nicht jeder Mensch mit Epilepsie hat Anspruch auf einen Arbeitsplatz mit erhöhtem Kündigungsschutz. Voraussetzung für einen erhöhten Kündigungsschutz ist der Behindertenpass ab einem Grad der Behinderung ab 50 v. Hundert sowie die Zugehörigkeit zum „Kreis der begünstigt Behinderten“.
Art der Epilepsie, Verlauf der Anfälle, Häufigkeit und Schwere der Epilewebpsie bestimmen den Grad der Erwerbsminderung bzw. Grad der Behinderung.
Als Grundlage für die Beurteilung dient die Leitlinie “Erhöhter Kündigungsschutz für Begünstigte Behinderte”.
Bekommen Menschen mit Epilepsie einen Führerschein?
Ja. Menschen mit Epilepsie können unter bestimmten Voraussetzungen einen Führerschein erhalten oder behalten. Für einen PKW (Führerscheingruppe B) sowie für Mopeds und Motorräder ist in der Regel eine einjährige Anfallsfreiheit erforderlich. Zusätzlich muss eine fachärztliche Stellungnahme die gesundheitliche Eignung zum Lenken eines Fahrzeugs bestätigen. Für die Führerscheingruppen C und D (LKW und Bus) sowie nach einem erstmaligen epileptischen Anfall gelten besondere gesetzliche Regelungen und Richtlinien.
Ausführliche Informationen finden Sie in unserem Folder „Führerschein und Epilepsie“: „Führerschein und Epilepsie“


Erste Hilfe
Da epileptische Anfälle unterschiedlich aussehen können, ist auch die Erste Hilfe nicht immer dieselbe. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von der jeweiligen Anfallsform ab.
Bei einem Krampfanfall ist vor allem eines wichtig: Ruhe bewahren. Die meisten Anfälle enden innerhalb weniger Minuten von selbst. Schützen Sie die betroffene Person vor Verletzungen, bleiben Sie bei ihr und beobachten Sie die Dauer des Anfalls. In bestimmten Situationen, etwa wenn der Anfall länger als 3-5 Minuten dauert, mehrere Anfälle hintereinander auftreten oder es sich um den ersten bekannten Anfall handelt, sollte der Rettungsdienst verständigt werden.
Ausführliche Informationen und praktische Tipps finden Sie in unserem Folder: „Erste Hilfe und richtiges Verhalten bei einem epileptischen Anfall“